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Angekommen im Land der tausend Hügel!

Autor: LisaMarie | Datum: 22 August 2010, 15:34 | Kommentare deaktiviert

Meine Lieben, 

Hier kommt also mein allererster Blogeintrag aus dem schönen Städtchen Huye (Butare) im wundervollen Land Ruanda. Den Text habe ich vorgestern angefangen zu schreiben und aktualisiere ihn solange, bis ich ihn endlich posten kann, also habt ihr viel zu lesen. Ich versuche täglich, den Text zu posten, aber mein Internet hier ist furchtbar langsam!

Obwohl ich erst seit 5 Tagen hier bin, kommt es mir so vor, als sei es ewig her, dass ich mit Cordula in Frankfurt in das Flugzeug stieg, dass uns zunächst nach Addis Abeba in Äthiopien brachte und dann nach einiger Zeit am äthiopischen Flughafen über Entebbe (Uganda) nach Kigali (Hauptstadt von Ruanda) brachte, wo wir um 3 Uhr morgens von einem Pfarrer namens John Wesley abgeholt wurden und nach Gitarama (wo Cordula wohnen und arbeiten wird) gebracht wurden, wo wir dann im Guesthouse der Gemeinde erst einmal eine Nacht schlafen konnten.

Am nächsten Morgen gab es dann Frühstück, inklusive Omelette und Maracujas aus dem Garten. Kurz darauf wurden wir vom lokalen Bischof begrüßt und wurden zu einem Getränk zu ihm nach Hause eingeladen. Danach machten wir unsere ersten Erfahrungen in Afrika, denn wir wurden zum Büro der Diözese gebracht und bekamen dort eine Führung durch die verschiedenen Abteilungen der Gemeinde, wo mir zum ersten Mal auffiel, wie weiß ich bin, denn dort waren wir die große Attraktion für die Schulkinder, die stehenblieben, winkten oder uns hinterher liefen.

Danach waren wir zum Lunch beim Bischof eingeladen. Als wir, wie verabredet, um 12 Uhr dort waren, wartete dort schon Alphonsine, seine Haushälterin, mit dem Essen auf uns, nur der Bischof war leider nicht da, also hatten wir Lunch ohne den Bischof (grüne Suppe, Reis, Pommes, Erbsen und Möhren und Tofu in roter Soße). Nach einem kurzen Mittagsschlaf wurden wir dann wieder von John Wesley abgeholt, der mich dann mit Cordula nach Butare bringen sollte. Auf dem Weg kaufte er uns eine Handykarte und Trinkwasser, damit wir die ersten Tage erst mal gut überstehen könnten.

Die Autofahrten sind hier sehr abenteuerlich, da es nicht viele (für Europäer ersichtliche) Regeln zu geben scheint, daher parken hier teilweise LKWs in der Kurve auf der Straße, Zebrastreifen werden nicht beachtet und alle Menschen, die auf der Straße laufen werden „weggehupt“.

Nach der Ankunft in Butare bekamen wir erst einmal eine kleine Führung durchs Gästehaus (wo ich momentan noch in einem riesigen Zimmer wohne) und durch das ehemalige Bischofshaus, in dem der Essensraum für das Gästehaus ist, eine Küche und ein paar Zimmer und in das ich vermutlich Anfang nächsten Monats umziehen werde.

Nachdem Cordula und John Wesley wieder nach Gitarama weggefahren waren, hatte ich erst mal nichts zu tun und versuchte zu lesen, allerdings gab es direkt einen Stromausfall und da es um 6 Uhr bereits  dunkel war, gestaltete sich das erst mal schwierig, bis ich im stockfinsteren meine Taschenlampe gefunden hatte.

Als dann wieder Licht war, kamen die nächsten Probleme auf mich zu, denn Andrew (eine Art Europäer-Betreuer, der sich, da ich die einzige Europäerin momentan bin, ausschließlich um mich kümmert) stand vor meiner Türe und erklärte mir, er habe kein Essen für mich, daher gingen wir dann nach einigem Hin und Her in einem kleinen Hotel einige Minuten vom Gästehaus entfernt, etwas Essen. Leider gestaltete sich das bestellen, ohne Karte und ohne, bzw mit stark begrenzten Kinyarwanda-Kenntnissen etwas schwierig, also ließ ich einfach Andrew für mich bestellen.

Ich bekam also praktisch das gleiche Essen wir zum Lunch, allerdings mit dem kleinen Unterschied, dass ich statt Tofu in roter Soße ein Hähnchen, allerdings nur mit ein bisschen Fleisch dran bekam. Vor dem Essen erklärte mir Andrew, ich müsse mir erst die Hände waschen, wo ich schon dachte, dass das einen kulturellen Grund haben könnte, also kam ein Kellner mit einer Schüssel, wo Seife drin war und einem Krug Wasser und ich wusch mir die Hände. Irgendwann erklärte Andrew mir, ich hätte mir die Hände gewaschen, damit ich das Hühnchen mit den Händen essen könne. Also tat ich das auch und als ich damit fertig war sagte Andrew: „Jetzt bin ich glücklich, weil du das Hühnchen mit den Fingern gegessen hast, normalerweise versuchen Europäer erst das Hühnchen mit Messer und Gabel zu essen, aber dann lassen sie es liegen, wenn das nicht geht.“ Jedenfalls freute mich das wiederum, dass ich nicht soo deutsch war, wie ich mich hier immer fühle.

Nach einem Gespräch mit zuhause fiel ich dann um 8 Uhr hundemüde ins Bett.

Morgens ging ich dann in das ehemalige Bischofshaus zum Frühstücken. Tee, Toast, Butter und Honig und das große Special: Milch von der Kuh des Bischofs, die ihm der Präsident persönlich geschenkt hat! Schade nur, dass ich eigentlich gar keine Milch mag… Aber der Ehre bin ich mir natürlich dennoch bewusst!

Nach dem Frühstück treffe ich zufällig auf Valentin, der für „Youth and Education“ in der Diözese zuständig ist und den ich kurzerhand bitte, mir das Büro zu zeigen, dass sich direkt an das Gästehaus anschließt, also lerne ich schon mal ein paar Menschen kennen, die alle sehr nett scheinen, dennoch viele kein Englisch sprechen, aber dazu später mehr.

Nach einer Pause bringt Andrew mich zum Sekretär der Diözese, Odilo, der sehr nett ist und mit dem ich mich für 15.30 Uhr verabrede, um meine Aufgaben im kommenden Jahr zu besprechen.

Bis dahin gehe ich erst mal mit Andrew im „Hotel Ibis“, einem belgischen Hotel, wo viele weiße Essen gehen, und anschließend im Supermarkt gegenüber Zahnpasta kaufen, also das erste, was ich hier selbst kaufe.

Um 15.30 Uhr stehe ich dann bei Odilo auf der Matte, der noch eine halbe Stunde lang eine E-Mail schreibt, um mir dann zu eröffnen, dass er mir keine Infos geben kann, sondern dass der Bischof schon einen Plan für mich hat, allerdings momentan nicht da ist.

Um 17.30 gehe ich dann also zum Bischof, von dem ich herzlich empfangen werde, schließlich sind wir ja schon alte Bekannte, da ich ihn in Wuppertal bereits zweimal getroffen habe. Endlich bekomme ich den langersehnten Plan für mein Jahr. Ich werde jetzt erst einmal anfangen, in den nächsten 10 Tagen, in denen er in Uganda ist, Kindergottesdienste zu entwerfen, die dann in der gesamten Diözese gehalten werden sollen, außerdem bin ich eine Art personal assistent für englische Korrespondenz. Mein dritter Arbeitsbereich lautet „Englisch unterrichten“ und zwar den Angestellten der Gemeinde, die nur Kinyarwanda und Französisch sprechen. Ich bin mal sehr gespannt, wie das alles wird.

Nach dieser Einweisung lädt der Bischof mich zum Abendessen ein und ich lerne seine Frau (Florence, bzw. ich soll sie Mama Deborah nennen) kennen, die auch meine Mentorin ist, und seinen Sohn Daniel kennen, mit dem ich mich auf Anhieb gut verstehe, da er ungefähr in meinem Alter ist und perfekt Englisch spricht, da er in Uganda studiert. Ich fühle mich bei der Familie sehr wohl, da sie mich herzlich aufnehmen und sozusagen bereits adoptiert haben. Nach dem Essen (Bananen, etwas grünes, das aussieht wie Spinat, aber kein Spinat ist, eine Art Gulasch, Reis und einer frittierten Wurzel, deren Name ich schon wieder vergessen habe) quatschen wir noch ein wenig und dann bringt Daniel mich nach Hause und verspricht mir, am nächsten Tag mit mir zur Bank zu gehen und sich darum zu kümmern, ob und wie ich Geld ziehen kann.

Nach dem Frühstück bin ich eigentlich um 11 Uhr mit Daniel verabredet, nach einer Stunde Wartezeit erzählt mir Andrew, Daniel sei mit seinem Vater nach Kigali gefahren. Allerdings sitze ich während ich warte vor dem Haus in der Sonne und einige Leute (Pastor Lambert und seine Assistentin Geraldine) kommen auf mich zu und reden mit mir, fragen wie es mir geht und was ich im nächsten Jahr arbeiten werde. Alle freuen sich über meine paar Worte Kinyarwanda und versuchen mir stetig neue Wörter beizubringen, die ich aber oft auch schnell wieder vergesse.

Andrew verspricht mir also, später mit mir in die Stadt zu gehen und die entsprechenden Besorgungen zu machen, was er auch eine Stunde später tut. Langsam beginne ich, selbst mit den Leute zu reden und entdecke, dass mein Französisch gar nicht so schlecht ist, wie ich immer gedacht hatte, jedenfalls kann ich einfache Gespräche über einfache Dinge ohne Probleme führen, aber die Hauptsprache ist Kinyarwanda, auf der ich inzwischen auf einige Worte spreche, ein Gespräch oder so kann ich aber lange noch nicht führen!

Also kann ich fast selbstständig mein Geld umtauschen und mein Internetmodem kaufen und habe langsam das Gefühl anzukommen, auch wenn ich bisher noch nicht realisiert habe, dass ich ein Jahr hier bleiben werde.

Vorgestern wurde ich dann von Odilo, dem Sekretär der Diözese, zum Abendessen eingeladen und so wurde ich dann von Geraldine abgeholt, die mich zu seinem Haus, am anderen Ende der Stadt, brachte. Dort lernte ich dann auch Odilos Frau auf dem Weg kennen, da sie bei der Polizei arbeitet und Nachtschicht hatte. Beim Haus kommen mir dann sofort drei kleine Jungs entgegengesprungen, die mich freudig begrüßen und sich über meine Kinyarwanda-Versuche freuen, dennoch außer „Welcome“ und einer Vorstellung kein Englisch zu sprechen scheinen.

Im Haus läuft der Fernseher (wie mir erklärt wurde, ist es wohl typisch ruandisch, dass die meiste Zeit der Fernseher läuft) und kurz nach dem ich ankomme wird auch noch das Radio angestellt, was Odilo allerdings nicht davon abhält, mich darüber auszufragen, warum Jugendliche in Deutschland nicht in die Kirche gehen und erzählt mir über die Situation in Ruanda, die relativ vergleichbar ist. Irgendwann kommt dann auch noch Odilos Neffe Richard dazu, der bei ihm wohnt, da er ein Stipendium vom Staat für ein Jura-Studium in Butare bekommen hat.

Nach dem Essen (erstaunlicher Weise mal wieder Pommes, Reis, Erbsen, Soße und Fleisch, aber diesmal auch einen Bohnen-Möhren-Nudel-Mix und zum Nachtisch Ananas) bringen mich dann Richard und der Angestellte der Familie (viele Familie hier scheinen einen Angestellten zum Kochen zu haben) zurück nach Hause. Allerdings wird mir vorher angekündigt, dass mich die kleinen Jungs morgen zum Lunch abholen werden, worüber ich mich sehr freue, da Familienanschluss ja auch ganz schön ist.

Gestern  wurde ich dann aber nicht wie erwartet von Odilos Söhnen, sondern von einem Motorrad abgeholt, so eine Art billiges Taxi hier. Da ich noch nie richtig auf einem Motorrad gesessen habe, war das eine sehr spannende und lustige Erfahrung und vermutlich war es in diesem Jahr nicht das letzte Mal, dass ich auf einem Motorrad durch die Gegend fahre. Zum Lunch gab es dann wieder das gleiche Essen wie am Vorabend, mit dem Unterschied, dass diesmal Odilos Frau Rose dabei war und eine Gruppe aus England, die(zu meiner Erleichterung) die gleichen kulturellen Fehler machten, wie ich zwei Tage zuvor im Haus des Bischofs ;) Aber inzwischen bekomme ich das mit den verschiedenen Handschlägen und Umarmungen ganz gut hin und ziehe auch vor den Teppichen im Haus meine Schuhe aus. Die Engländer integrieren mich ganz nett in ihre Gruppe und so kann ich ein bisschen „europäisch-anonym“ durch die Stadt laufen.

Heute war ich dann mit der englischen Gruppe zusammen in zwei Gottesdiensten. Zuerst in einem englischen, der hauptsächlich von Studenten besucht wird, die mich sehr nett direkt in die „Worship-Group“ eingeladen haben, somit hoffe ich auf baldigen Anschluss an die Jugendlichen hier. Nächste Woche muss ich allerdings in diesem Gottesdienst dann auch etwas vorsingen, worauf ich mich noch nicht so freue, aber darauf hat man mich ja vorbereitet….

Danach besuchten wir noch den Gottesdienst auf Kinyarwanda, wo sich direkt ein paar Leute bereiterklärten, für die Engländer und mich zu dolmetschen und die ersten Worte habe ich auch schon selbstständig verstanden. Nach einigen Gebeten kam dann mein Lieblingsteil des Gottesdienstes, die Chöre! Was diese Menschen für eine Freude ausstrahlen und für eine Spiritualität, das kann man gar nicht erklären! Nach den Chören war dann auch die englische Gruppe dran, etwas vorzusingen und da ich nicht nächste Woche in diesem riesigen Gottesdienst alleine ein Liedchen trällern möchte, hab ich mich da einfach mal angeschlossen, da ich das Lied aus England kannte.

Vor der Predigt ging es dann in den Kindergottesdienst, in dem ich erst mal ein paar ganz nette Mitarbeiter in meinem Alter kennenlernte, die mir auch sofort anboten, mir Kinyarwanda beizubringen, wenn ich ihnen Deutsch oder Englisch beibringen würde. Ich kenne Kindergottesdienst allerdings von zuhause ganz anders. Hier ist es tatsächlich wie Schule, also sehr frontal. Ich wünsche mir, dass ich im nächsten Jahr in meinem „Sunday-school-Umstrukturierungs-Programm“ ein bisschen mehr von der Lockerheit und  dem Spaß aus Deutschland mitbringen kann.

Insgesamt gefällt es mir bisher ganz gut. Das Essen ist ganz lecker, obwohl eher einseitig, dennoch merke ich, dass sich mein Magen ein bisschen daran gewöhnen muss. Die Leute sind nett und ich bin mir sicher, sobald ich ein paar Worte mehr Kinyarwanda spreche, komme ich viel besser zurecht, Geraldine hat mir auch angeboten, mir ein bisschen Kinyarwanda beizubringen, was sicherlich spannend wird, da sie auch eher schlecht als recht Englisch und Französisch spricht... Doch auch im Englischen und Französischen können die Ruander ihre Herkunft nicht verleugnen, da die meisten „r“ und „l“ miteinander austauschen nach keinem mir ersichtlichen  Schema, aber bereits nach ein paar Tagen Eingewöhnung fällt mir das kaum noch auf, nur manchmal muss ich ein bisschen rätseln was „Fries rike cheese“ heißt und wo eigentlich die Stadt „Chigari“ liegt (Kigali, wie ich irgendwann rausfand), aus dem gleichen Grund bin ich hier auch unter „Lisa“, „Risa“ und „Reese“ bekannt ;)

Meine Aufgaben sind spannend und ich freue mich bald in meinem eigenen kleinen Büro richtig loslegen zu können. Ich mag auch, wie die Leute hier miteinander umgehen, sie sind sehr freundlich, dennoch merkt man schon eine klare Geschlechtertrennung, so sieht man beispielsweise oft Männer, die Hand in Hand die Straße entlanglaufen und Frauen, die sich unterhaken, aber der Kontakt zwischen Frauen und Männern beschränkt sich meist auf kurze Gespräche. Ich hoffe, bald noch mehr Mädchen in meinem Alter kennen zu lernen, denn bisher kenne ich nur Geraldine und unsere Kommunikation ist wegen der Sprachbarriere sehr begrenzt, aber wir geben uns beide Mühe und versuchen in einem Englisch-Französisch-Mix miteinander zu kommunizieren.

Was mich fasziniert ist, dass der Glaube der Menschen sehr präsent ist. Vor jeden Essen wird gebetet, auch wenn man irgendwo ist und nur etwas trinkt, wird auch über die Fanta ein Gebet gesprochen. Außerdem stehen auf vielen Autos irgendwelche christliche Nachrichten, „No Jesus, no life“ und auch das Wort „Imana“ was hier soweit ich weiß Gott bedeutet ist immer wieder an verschiedenen Autos, Motorrädern und Häusern zu entdecken.

Das einzige was mich so richtig stört ist die Moschee auf dem Berg gegenüber, denn des Öfteren werden die Muslime zum Gebet gerufen, was mich tagsüber nicht stört, aber um 4 Uhr morgens stört das schon ziemlich, aber ich denke, auch daran werde ich mich gewöhnen, heute morgen habe ich es beispielsweise gar nicht mehr gehört, ich hoffe mal, dass das so bleibt!

Jetzt muss ich nur noch hier mit dem Internet kämpfen, aber wenn ihr das hier lesen könnt, heißt das wohl, dass ich gewonnen habe ;)

Allerliebste Grüße aus dem Land der tausend Hügel,

Lisa-Marie