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Ndagera geza kumva, ariko kuvuga birakomeye

Autor: LisaMarie | Datum: 04 Januar 2011, 15:58 | 25 Kommentare

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Meine Lieben,

 

Ich hoffe, ihr hattet wundervolle Weihnachten und seid alle gut ins neue Jahr gerutscht!

Ich sollte wirklich anfangen, öfters in diesen Blog zu schreiben, da mir soo viel passiert, was ich eigentlich gerne mit euch teilen wollen würde, aber ich komme oft einfach nicht so richtig dazu, mich hinzusetzen und zu schreiben, aber heute ist mal wieder so ein Glückstag, von daher kommt hier ganz viel über Dörfer, Friseure, Hochzeiten, Weihnachten, Schneider, den Kivu-See und Krankenhäuser.

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Zunächst einmal generell: Mir geht es immer noch sehr gut hier im fernen Ruanda. Ich arrangiere mich immer besser mit schwierigen Mitmenschen, aufdringlichen Verehrern, Essen und Sprache und mir wird immer wieder gesagt, wie ruandisch ich inzwischen schon sei. Obwohl ich mit der Sprache immer besser zurecht komme, ist diese immer noch ein Buch mit sieben Siegeln für mich. Inzwischen kann ich wenigstens so tun, als ob ich Kinyarwanda spräche und/oder verstünde. Wenn ich morgens die Menschen freudestrahlend mit „Maramutse“ (Guten Morgen) oder „Amakuru?“ („Wie sind die Neuigkeiten?“, allerdings wird es wie „Wie geht’s?“ benutzt) begrüße sind alle so begeistert, dass sie erst mal nichts weiter erwarten – zum Glück für mich… In anderen Fällen verstehe ich dann schon manches, bringe dann aber meinen neuen Lieblingssatz: „Ndagera geza kumva, ariko kuvuga birakomeye!“ an, der so viel bedeutet wie: „Ich bemühe mich zu verstehen, aber sprechen ist schwer!“ . Das veranlasst dann auch nur wenige Leute dazu, mir daraufhin ihre Lebensgeschichte zu erzählen, da sie finden, mein Kinyarwanda sei doch schon nahezu perfekt. Tatsächlich ist dies aber leider nicht unbedingt der Fall. Ich verstehe mehr und mehr, aber noch laaaange nicht alles. Für die meisten Gelegenheiten brauche ich immer noch eine Übersetzung und nur phasenweise überkommt mich das Gefühl, dass ich jemals diese Sprache beherrschen werde. Meine Sprachfertigkeit ist inzwischen genug ausgereift, um auf den Markt zu gehen, mit Motofahrern einen Preis zu verhandeln und ihnen zu erklären, wo ich hinmöchte, und über Essen zu reden, obwohl ich das auch lieber den Muttersprachlern überlasse.

 

So, nun aber zu den Events der letzten Wochen. Ich fang einfach mal vorne an, wo ich bei einer Familie im hinterletzten Dorf Ruandas eingeladen war. Ich und ein ruandischer Freund, dessen Familie wir besuchten, fuhren also gegen 6 Uhr morgens hier in Butare los, um dann nach drei verschiedenen Bussen, während deren Fahrten wir dann auch noch einen Bruder meines Freundes einsammelten, den von uns gemieteten Fahrer zu treffen, der uns dorthin bringen sollte, wo normale Busse nicht mehr hinfahren. Leider hatte es am Vortag geregnet, also war aus der „Schmutzstraße“ (Dirtroad, also eher nicht befestigt) eine Matschstraße und wären nicht viele nette Leute am Straßenrand gewesen, die netterweise schieben halfen, wären wir wohl irgendwo im Matsch versunken. Nach zwei Stunden dieser wundervollen Erfahrung, ca. eineinhalb Stunden nachdem man mir erklärte, ab hier gebe es jetzt keine Elektrizität mehr, kamen wir also im Dorfzentrum von Nkomane an, von wo aus es dann zu Fuß weitergehen sollte. Die beiden Brüder waren also zuhause und begrüßten ca. eine Million Menschen, die dann auch sehr interessiert daran waren, mich kennenzulernen. Ich bin ja nun gewohnt, dass Kinder hinter mir herlaufen und mich umarmen, Menschen mich auf der Straße begrüßen, alle mich angucken (um nicht das Wort anstarren zu benutzen) und „Muzungu“ rufen.

 

Dieses Dorf war dann allerdings ein anderes Kaliber. Ungelogen das ganze Dorf verfolgte mich/uns auf Schritt und Tritt, tausend Hände fassten mich an und die Männer versuchten mit mir zu reden, während die Frauen sich eher im Hintergrund hielten, ihre Augen aber dabei nicht von mir ließen. Zum Glück verließen wir nach ca. 10 Minuten, gefolgt vom Dorf, das Zentrum, um zum Haus der Familie zu gelangen, was sich als halbstündiger Fußmarsch auf einem Trampelpfad, die Bergehoch und runter herausstellte. Völlig geschafft, kamen wir dann also bei dem typisch ruandischen Haus an (also mehr so wie ein Hof, mehrere Häuser für Eltern, Kinder, Küche, „Bad“ und Vieh)und ich verliebte mich gleich aufs Neue in die atemberaubende Landschaft. Bei der Familie ging es dann ungefähr zu wie bei jeder normalen ruandischen Familie, die ich bisher besucht habe, es gab Fanta (alle Softdrinks heißen Fanta, egal ob Fanta, orange, citron oder passion, Tonic oder Cola)und typisch für die Dörfer hier Sorghum-Bier (selbstgebrautes Bier, ich habe mich nicht getraut, dieses Getränk, dass mit seinem matschefarbigen Schaum mit langen Strohhälmen (echte natürlich) aus Putzeimern getrunken wird). Später gab es dann normal ruandisches Essen und außer dass 9 von 10 Geschwistern, Tanten, Onkels und Nachbarn da waren, um einen Blick auf mich zu werfen, war es ein ganz normaler Besuch. Am Ende wurde mir und uns dann gedankt, dass wir da gewesen seien und wir bekamen frischen, unbehandelten Naturhonig, als Zeichen dafür, dass das Neue Jahr wie „Milch und Honig“ für uns sei. Nachdem uns dann der ganze Haushalt wieder zurück zum Auto begleitete, wo das ganze Dorf noch oder wieder wartete, war die Rückfahrt dann eher unproblematisch, da der Matsch an vielen Stellen getrocknet war. Allerdings fuhr der Fahrer sehr schnell, da sich neuer Regen ankündigte und er Angst um sein Auto hatte.

 

Als zweites wollte ich euch dann von meinen Erfahrungen als ruandisches Mädchen erzählen. Bereits vorher hat man mir immer schon gesagt, ich werde immer ruandischer und es kommt bei allen immer super gut an, wenn ich in meinen über-knie-langen Röcken und T-Shirts, die über die Schultern gehen aus dem Haus gehe, wollte ich jetzt dennoch auch mal eine komplett ruandische-Mädchen-Erfahrung machen und ging zum Friseur, um meine Haare einflechten zu lassen. Ich saß dann also 5 Stunden auf dem Boden zwischen mitunter 5 schnatternden Frauen, die meine Haare mit Kunsthaaren umwickelten.  Jeder der ca. 300 Zöpfe schmerzte höllisch und mehr als einmal musste ich mir sagen: „Wer schön sein will muss leiden!“. Nachher wurden die Haare dann noch im kochendheißen Wasser gewaschen, was meiner Kopfhaut dann den Rest gab. Im Endeffekt muss ich sagen, dass sich diese Prozedur aber echt gelohnt hat und um eine Mitkundin beim Friseur zu zitieren: „You became beautiful!“ („du bist schön geworden“). Auch die schlaflosen Nächte danach, weil meine Kopfhaut so schmerzte haben sich gelohnt, denn diese Haare kann man ohne schlechtes Gewissen nur alle 10 Tage waschen (lassen), was meine Morgen einfach viel schneller und unkomplizierter macht. Nach ca. 17 Tagen hatte ich dann aber keine Lust mehr und nach weiteren 5 Stunden und viiiiel Haarverlust war ich sie dann wieder los. Ich habe aber Pläne, das noch mal auf mich zu nehmen…

Zweitens war ich dann bei der Schneiderin. Nach endlosen Verhandlungen auf dem Markt kaufte ich zwei Stoffe und fand dann per Zufall eine Schneider-Gemeinschaft, die schnell und günstig arbeiten und ließ mir dann zwei Sonntags-Outfits nähen, die eigentlich auch echt cool geworden sind, eins auch mit Haarteil, was mich sehr afrikanisch macht – ein echtes ruandisches Mädchen eben ;)

 

Außerdem wollte ich ja noch von der Hochzeit erzählen, auf der ich war. Ich wurde also gefragt: „Mein Klassenkamerad heiratet, willst du mit?“ und wie vermutlich alle Freiwilligen dachte ich mir, nimm alles mit was geht, also natürlich auch eine Hochzeit. Ich schmiss mich also in meine Kirchenklamotten und los gings. Wir waren leider viel zu spät und der Gottesdienst hatte schon angefangen. Ich wunderte mich bereits draußen, warum so viele verschieden geschmückte Autos dort standen und sah dann drinnen, dass nicht nur der besagte Klassenkamerad, sondern auch weitere 10 Paare heirateten. Der Gottesdienst an sich war dann kurz und knackig, nur als es ums Verheiraten ging, wurde das vorgelegte Tempo leider nicht mehr eingehalten. 11 Paare, 22 Menschen, die bestimmte Fragen gefragt werden müssen, ihren Hochzeitsschwur leisten müssen und und und… Dennoch war „unser“ Paar speziell, da der Bräutigam Offizier beim Militär ist und somit seine ganzen Armee-Kumpels mitgebracht hatte, die ordentlich Stimmung machten, als die an der Reihe waren. Außerdem spielte dann beim Auszug des Paares die Marching-Band der Armee und das Brautpaar ging unter den Säbeln der mitgekommenen Militärs her. Die gleiche Prozedur gab es dann auch beim Aussteigen aus dem Auto beim Festsaal, der ein Hörsaal einer Schule war. Dort gab es dann Fanta (natürlich) und Kuchen (ich war so froh mal endlich wieder Kuchen zu essen – leider haben die Ruander es nicht so mit Süßem). Außerdem wurden Geschenke übergeben. Mein persönliches Highlight allerdings war die ruandische Tanzgruppe! Ruandische Tänze und deren Tänzerinnen und Tänzer sind einfach soo elegant - da kann so ein Schuhplattler nur von träumen.

 

Dann stand auch schon Weihnachten vor der Tür. Ganz unbemerkt, ohne Adventskranz, Adventskalender oder Dekoration hat es sich angeschlichen und dann wachte ich plötzlich auf und dachte, „Oh Mann, es ist ja Weihnachten!“Mittags  ging ich zu einer Party vom Kindergottesdienst hier, wo die Kinder ihr Können vorführten, Tanzen, Singen, Krippenspiel und Psalme auswendig aufsagen. Abends war ich dann von anderen deutschen Freiwilligen aus dem Ort zu Knödeln, Dodo (so eine Art Spinat), Möhren und Tomatensoße eingeladen. Vorher gingen wir in die örtliche katholische Kathedrale, weil dort ein Krippenspiel stattfinden sollte, doch leider gab es zwar wundervolle Tänzer, aber kein Krippenspiel.

Am ersten Weihnachtstag fuhr ich dann mit einem Freund nach Kigali, wo wir an der deutschen Botschaft von einer deutschen Diplomatin zu einem deutsch-ruandischen Weihnachtsgottesdienst in Musha (ca. 1 Stunde von Kigali)mitgenommen wurden. Der Gottesdienst wurde von einem deutschen Pater teils auf Deutsch, teils auf Kinyarwanda gehalten und das vorbereitete Krippenspiel war auf Englisch. Das Krippenspiel war seehr inspirierend. Oft mache ich die Erfahrung, dass ich vergesse, wie unterschiedlich meine und die hiesige Kultur sind, da ich mich an so viele Dinge schon gewöhnt habe. Doch Kultur beeinflusst sogar das Krippenspiel und das hat mich doch tief beeindruckt. Während die Hirten in Deutschland immer dick angezogen sind und mit ihren Hirtenstöcken und Hüten auf ihre Kuscheltierschafe aufpassen, kamen die Hirten hier mit Blättern geschmückt, mit Pfeifen und echten Zicklein auf den Schultern in die Kirche eingezogen und machten dabei so einen Lärm mit den Pfeifen und den schreienden Zicklein, dass man von der vorgelesenen Geschichte nichts mehr verstand… Seeehr amüsant!

 Nach einer Stunde war der Gottesdienst – typisch deutsch-katholisch – dann auch zu Ende und ich merkte, wie sehr ich mich schon an die ewigen Gottesdienste hier gewöhnt habe, da mir das viiiel zu kurz vorkam. Danach gab es noch Essen und Trommelei und Tänze, was ich auch wieder sehr schön fand. Außerdem war es interessant ein paar deutsche Paare zu treffen, die hier in Ruanda arbeiten und leben.

 

Am zweiten Weihnachtstag war ich dann hier bei uns in der Gemeinde, aber irgendwie war von Weihnachten dort nicht mehr viel zu spüren – so war Weihnachten also genauso schnell und leise wieder vorbei, wie es angefangen hatte.

 

Da nach Weihnachten dann leider gar nichts mehr passierte und man mir sagte, ich würde zwischen Weihnachten und Neujahr nicht unterrichten und man würde mir noch ein Programm für das kommende Jahr zukommen lassen, in dem ich erfahren würde, wie meine Arbeit dann 2011 aussehen würde, entschied ich dann mit einem Freund nach Kibuye, am Kivu-See zu fahren. Für jeden Ruandatouristen ist der See ein absolutes Muss und KIbuye war ein absoluter Glücksgriff, da der See an der Stelle am Schönsten sein soll. Ich verbrachte also ein paar Tage am/im und nahe des Sees, bis ich plötzlich Samstagsmorgens mit Schmerzen aufwachte. Nach einer dreiminütigen Internetrecherche war der Fall für mich glasklar, Harnweg- und/oder Blasenentzündung. Ich fand also direkt heraus, was das auf Englisch heißt, was man im Internet dagegen empfiehlt und los gings, für mich zum ersten Mal, in ein ruandisches Krankenhaus. Ich hatte versucht mich zu sträuben und einfach direkt ein Antibiotikum in einer Apotheke zu kaufen, aber mein Freund bestand darauf, ins Krankenhaus zu gehen, was sicherlich auch die vernünftigere Variante war, aber von dem was man so hört, hatte ich einfach keine große Lust ein ruandisches Krankenhaus von innen zu sehen.

 

Wir liefen also dorthin ließen uns von ein paar Schwestern an der Medikamentenausgabe den Weg zum Konsultations-Zimmer beschreiben und fanden dies dann auch relativ schnell. Leider war niemand da. Das änderte sich dann nach ca. 15 Minuten, als Schwester Denyse kam, sich  meine Symptome anhörte, Blutdruck, Puls und Fieber maß, irgendwelche Informationen auf einen Zettel schrieb und dann ging, mit den Worten, sie suche jetzt den Arzt. Nach einigen Minuten kam sie dann wieder und erklärte, der Arzt sei gerade bei einer komplizierten Geburt, sie wisse nicht, wann er genau käme. Es blieb also nichts anderes übrig als zu warten, bis dann nach weiteren 15 Minuten der einzige Arzt im ganzen Krankenhaus (an dem Tag) „Marcel“ kam, der sich zwischen Geburt, Kaiserschnitt und anderen Operationen mit seinen ca. 28 Jahren auch noch mal kurz um meine Probleme kümmerte (Ich habe später nachgefragt und herausbekommen, dass sich nur wenige Doktoren hier spezialisieren und daher die meisten „Allrounder“ sind)und eine Laboruntersuchung anordnete, die dann nach Bezahlen und einer halben Stunde weiterer Wartezeit abgeschlossen war und ich aus dem Labor einen zugetackerten Zettel bekam, der dann vom Arzt geöffnet werden sollte.

 

Dieser befand sich aber gerade bei dem Kaiserschnitt und hatte dann noch „einige“ andere Operationen, also warteten wir weitere 2 Stunden darauf, dass er den Zettel öffnete, mir Antibiotikum verschrieb und wir endlich gehen konnte. Bis heute verstehe ich nicht, warum dieser Arzt involviert war, da alles was er fragte und tat auch von einer Krankenschwester erledigt hätte werden können und teilweise auch tatsächlich wurde. Ich habe das Gefühl, dass sie mich als Weiße beruhigen wollten und daher auch drei anstelle von normalerweise einer Laboruntersuchung machten. Ich schlucke auch brav meine 8 Tabletten (leider gab es nur noch gering dosierte Antibiotika-Tabletten, das muss dann halt mit Menge kompensiert werden) täglich, die aussehen wie Bonbons (orange-rot und gelb)und auch nicht wie bei uns in diesen Plastik-Alu-Dingern einzeln verpackt sind, sondern aus einem großen Behälter abgezählt alle zusammen in einem Plastiksäckchen transportiert werden.

 

Ich hoffe wirklich, dass ich nicht noch einmal krank werde, denn obwohl es nicht so schlimm war, wie ich es mir vorgestellt hatte, war die ganze Prozedur doch sehr anstrengend für ein paar Antibiotika-Tabletten. Dennoch warte ich eigentlich täglich darauf, Malaria zu bekommen, da ich immer wieder tausende von Mückenstichen habe (haltet mir keinen Vortrag, ich schlafe unter einem Mückennetz, ich trage abends lange Klamotten und sprühe mich regelmäßig mit Anti-Brumm ein – offensichtlich sind alle diese Dinge den ruandischen Mücken egal.).

 

Das war‘s jetzt erst mal von mir. Ich hoffe es geht euch allen gut!

 

Liebste Grüße aus dem Land der tausend Hügel!

 

Eure Lisa-Marie

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